Georg Fricker. Bild aus Schauburg Kino, Karlsruhe
Der große Karlsruher Kinomacher Georg Fricker ist tot. Er starb am vergangenen Samstag [07.06.2008] in einem Klinikum bei München. Gezeichnet von einem Schlaganfall und einem Krebsleiden konnte man ihm in den letzten Jahren noch einige Male begegnen - als unscheinbarem Gast in seinem eigenen Kino, der Schauburg.
Den Kinobetrieb hat er vor vier Jahren an Herbert Born übergeben, der das traditionsreiche Lichtspieltheater ganz in seinem Sinne weiterführt.
Georg Fricker hat aus der Schauburg in den 33 Jahren davor eine Karlsruher Institution mit überregionaler Ausstrahlung gemacht. Dabei waren die Voraussetzungen am Anfang alles andere als günstig.
Der Schauburg-Besitzer Willy Mansbacher hatte gerade den Pachtvertrag mit der Gesellschaft Olympic gekündigt, die das Kino 1968 übernommen und den großen Schauburgsaal in ein Cinerama-Kino mit Todd-AO-Leinwand verwandelt hatte. Doch trotz der neuen Attraktion geriet der Betreiber bald in Finanznot und konnte nicht einmal die Miete bezahlen.
In dieser Situation trat 1971 ein junger Kino-Enthusiast an den schon etwas altersmüden Mansbacher heran und fragte ihn, ob er einen Saal mieten könne. „Mieten können sie bei mir nichts, aber alles kaufen“, sagte Mansbacher, der versucht hatte, den Laden mit den damals gängigen Sexfilmchen am Laufen zu halten, und Georg Fricker übernahm Karlsruhes letzten Kinopalast.
1936 in Zsambek bei Budapest geboren, kam er 1946 als Flüchtlingskind mit seiner Familie nach Bruchhausen bei Ettlingen. Bereits mit 18 Jahren organisierte er Kinovorführungen in einem Turnsaal, wenig später zog er mit einem Wanderkino durch die Landgemeinden, während er noch seinem Beruf als Verkäufer in der Textil-Abteilung des Karlsruhr Kaufhauses Union (später Hertie) nachging.
Seine Liebe aber galt dem Kino und so wurde er Theaterleiterassistent beim „Pali“ in der Herrenstraße und lernte das Kinohandwerk in allen Einzelheiten. Auf Kredit kaufte Fricker kleinere Kinos im Umland und richtete eine Werkstatt zur Reparatur für Filmprojektoren ein. Doch seine große Zeit kam mit dem Kauf der Schauburg, einer Investition, auf die Branchenkenner nur mit Kopfschütteln reagierten. Nach dem Motto „die Praxis ist der beste Lehrmeister“ ging er daran das heruntergewirtschaftete Kino wieder auf Vordermann zu bringen und ihm ein einmaliges Programmprofil zu verleihen. Er nahm anspruchsvolle internationale Filme ins Programm und gab dem Jungen Deutschen Film ein Forum.
Um ein möglichst vielfältiges und differenziertes Programmangebot bieten zu können, baute er die Schauburg um. Die Galerie des großen Schauburgsaals wurde in das “Cinema” umgewandelt, später wurde noch das kleine “Bambi” an die Wandelhalle angebaut. Fricker beteiligte sich an der Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Kino“, die die Filmtheater in ihrem Existenzkampf gegenüber Kinoketten und großen Verleihern unterstützen sollte. Alljährlich wird die “Schauburg” mit der seit 1976 vergebenen Auszeichnung des Bundesinnenministers für ein hervorragendes Jahresprogramm bedacht.
Die Schauburg bot und bietet immer noch ein Filmprogramm, das neben dem aktuellen Kinoangebot auch Filmklassiker und so genannte Kultfilme einschließt. In langen Kinonächten konnten Science-Fiction-Fans mehrere „Star Trek“-Filme hintereinander sehen, die Aufführung des Dauerbrenners „Rocky Horror Picture Show“ geriet regelmäßig zum Happening, Filmklassiker im 70mm-Format wurden stilvoll präsentiert.
Ein Publikumsrenner wurden die Jazzfeste, bei denen jeder Raum und auch das Foyer bis in die frühen Morgenstunden hinein bespielt wurde. Die Schauburg beteiligte sich am Karlsruher Kulturmarkt und steuerte Filmreihen zu den Europäischen Kulturtagen bei. Sie kooperierte mit dem Badischen Staatstheater, der Musikhochschule und anderen Kulturträgern. In den 90er-Jahren startete Georg Fricker eine alljährliche Reihe von Filmwochen, die einem bestimmten Land gewidmet waren.
Im Sommer 1995 veranstaltete die Schauburg erstmals die Open Air-Kinonächte am Schloß Gottesaue, eines der größten deutschen Freiluftkinos. Instinktsicher beteiligte sich Georg Fricker am Wettbewerb um den Betrieb eines Großkinos, das in der Nähe des ZKM entstehen sollte, und nahm als gleichberechtigter Teilhaber neben der Kieft-Gruppe, die Sache selbst in die Hand. Der Filmpalast am ZKM , der im März 2000 eröffnet wurde, entwickelt sich in Zeiten der Branchenkrise zu einem der erfolgreichsten deutschen Großkinos.
Dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden war, merkte man ihm, der gelegentlich als Kartenabreißer aushalf, nicht an. Gesellschaftliche Anerkennung war ihm wichtiger als Geld, darum hat er gekämpft. Ein einfacher Mensch war er nicht, grantig und kantig, ein schwieriger und zäher Verhandlungs- und Gesprächspartner, der, wenn es um sein Kino ging, keine Kompromisse kannte. Wer ihn näher kannte, erlebte auch seine großzügige und liebenswürdige Seite. So hat er die Schauburg zu dem gemacht, was sie ist, eines der besten deutschen Kinos und für viele Karlsruher ein geradezu magischer Ort, mit dem sie viele schöne Erinnerungen verbinden.
© Dr. Peter Kohl, Karlsruhe | More in 70mm reading:
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